Boxkameras: nostalgische Liebhaberstücke für Amateurfotografen

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Wie die Boxkameras Fotografen flexibel machten

Die Boxkamera gehörte über mehrere Jahrzehnte hinweg zu den beliebtesten Kameras, was gute Gründe hatte: Sie war von Anfang an so konzipiert, dass sie auch von Laien problemlos bedient werden konnte, und sie war für die damalige Zeit ausgesprochen handlich und klein. Gebaut wird sie allerdings schon seit den 1970ern nicht mehr, ist jedoch bei Sammlern nach wie vor sehr beliebt und einige Enthusiasten nutzen sie bewusst, um Bilder mit einem eher nostalgischem Charakter zu schießen, wie sie für das Gerät typisch waren.

Bei dem Ratgeber handelt es sich daher vor allem um einen historischen Rückblick auf die Entstehung sowie die Erfolgsgeschichte der Boxkameras in Verbindung mit der Entstehungsgeschichte der Fotografie, die zurückführt bis in die 30er des 19. Jahrhunderts.

Die Lochkamera, wie alles begann

Die Lochkamera ist die wohl einfachste Möglichkeit, Fotografien zu machen, zunächst jedoch war der Verwendungszweck ein anderer, nämlich das Reproduzieren und nachzeichnen von Abbildern, die man auf der transparenten Projektionsfläche der Rückseite sehen konnte; gedacht war die Lochkamera zunächst also als Zeichenhilfe. Die Bezeichnung als Camera Obscura - auf Deutsch übersetzt "dunkle Kammer" - beschreibt das Prinzip im Grunde schon. Da das Abbild auf der Mattscheibe sehr lichtarm war, zog man sich während der Arbeit ein schwarzes Tuch über den Kopf, um die Projektion besser zu erkennen, was übrigens bis heute gilt, wie zum Beispiel bei der analogen Fotografie mit einer sogenannten Fachkamera, die nach dem gleichen Prinzip funktioniert; bekannte Hersteller sind hier etwa Linhof oder Sinar.

Die Historie ist nicht komplett geklärt, die Ursprünge gehen wohl bis Aristoteles als Entdecker zurück und Leonardo Da Vinci nutzte das Prinzip wohl für seine Arbeiten wie auch viele weitere Künstler, zu denen zum Beispiel auch Albrecht Dürer zählte.

Von der Lochkamera zur Plattenkamera

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts herum wurden anstatt einem einfachen Loch auch optische Linsen verwendet, was eine deutliche hellere Abbildung der Projektion ermöglichte und die Arbeit erleichterte – bis zur eigentlichen Fotografie dauerte es jedoch noch einige Jahrzehnte.

Die Heliografie

Als erstes Verfahren in diesem Zusammenhang wird die Heliografie benannt, die dem aus Frankreich stammenden Erfinder Joseph Nicéphore Niépce zugeschrieben wird. Die vermutlich älteste noch erhaltene Fotografie zeigt einen Blick aus seinem Arbeitszimmer, für das es eine Belichtungszeit von circa acht Stunden benötigte, als Trägermaterial diente eine chemisch behandelte und polierte Zinnplatte mit einem Format von 21 cm x 16 cm.

Die Daguerreotypie

Etwa 10 Jahre später - zwischen 1835 und 1839 - war es dann der ebenfalls aus Frankreich stammende Maler Louis Daguerre, der ein verbessertes fotografisches Verfahren entwickelte, das noch heute unter der Bezeichnung Daguerreotypie bekannt ist. Daguerre nutzte dabei die Lichtempfindlichkeit von Silberverbindungen, die auf eine polierte Kupferplatte aufgebracht und noch zusätzlich mit Joddampf bearbeitet wurden. Später, nach einigen weiteren Versuchen wurde die Lichtempfindlichkeit durch die Verwendung von Chlor- und Bromdämpfen noch deutlich gesteigert, sodass die sonst stundenlangen Belichtungszeiten spürbar verkürzt werden konnten.

Das Prinzip der Plattenkameras

Für das Verfahren wurden spezielle Kameras entwickelt, die auch als Plattenkameras bezeichnet wurden. Das Grundprinzip basierte auf der bereits zuvor erwähnten Camera Obscura, erfuhr jedoch eine entscheidende Veränderung: Es handelte sich um zwei ineinander gesteckte Kästen, die gegeneinander verschoben werden konnten, um Schärfe und Entfernung variabel einstellen zu können. Zur Belichtung der präparierten Kupferplatten wurde der Deckel per Hand vom Objektiv genommen und nach Ablauf der Belichtungszeit wieder darauf gesetzt, heute kaum noch denkbar, denn: Verschlusszeiten mit Bruchteilen von Sekunden waren damit nicht realisierbar. Die Daguerreotypie war demnach zwar nicht das erste fotografische Verfahren, allerdings im Gegensatz zur Heliografie durchaus praxistauglich.

Von der Kupferplatte zum Filmmaterial

Mit der Daguerreotypie wurde der Traum erfüllt, die Realität quasi eins zu eins abzubilden, somit lag es auf der Hand, dass es zu Weiterentwicklungen und Verbesserungen kommen würde: Der Engländer William Henry Fox Talbot etwa arbeitete an lichtempfindlich gemachtem Papier als Trägermaterial, das Verfahren bezeichnete er selbst als Kalotypie. Zwar waren auch bei diesem Verfahren noch relativ lange Belichtungszeiten notwendig, allerdings ließen sich die Motiv auf dem Papiernegativ beliebig oft vervielfältigten, was zuvor nicht möglich war.

Es gab noch einige weitere Verfahren mit unterschiedlichen Materialien, die Schritt für Schritt Verbesserungen mit sich brachten, sei es in Bezug auf die Darstellung wie auch bei der Verkürzung der Belichtungszeiten, die es letztlich möglich machten, auch Menschen oder bewegte Motive aufzunehmen. Als Beispiel seien hier etwa Wachspapiere (Gustave Le Gray) um 1850 oder die Wothlytypie, ein Edeldruckverfahren, genannt, bei dem Kollodium-Papier zum Einsatz kam.

Die Erfindung des Rollfilms

Allen diesen Verfahren war gemeinsam, dass sie sich mitsamt dem Equipment nicht für ein breites Publikum eigneten, sondern mehr oder weniger professionellen Anwendern mit eigenen Ateliers vorbehalten waren. Das änderte sich erst zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Einführung von biegsamem Fotomaterial, das auf Rollen aufgezogen werden konnte und bis heute unter der Bezeichnung als Rollfilm zu finden ist – eine Voraussetzung, die für Boxkameras von entscheidender Bedeutung war.

Eine erste Duftmarke in Bezug auf Rollfilme setzte Unternehmer und Fotopionier George Eastman mit dem Stripping Film: Der aus Papier bestehende und mit einer Gelatine beschichtete Rollfilm war allerdings in der Handhabung verhältnismäßig kompliziert. Die Gelatine-Schicht (Emulsion) musste auf eine Glasplatte übertragen werden und von dort aus, um Abzüge herzustellen, wieder auf eine Gelatine-Schicht zurück kopiert werden. Die Konsequenz daraus war die Entwicklung des Zelluloid-Films als Trägermaterial, häufig wird die Erfindung ebenfalls George Eastman zugeschrieben, was nicht ganz korrekt ist, denn der eigentliche Erfinder ist Hannibal Goodwin, der das Patent dazu im Jahr 1887 anmeldete. George Eastman brachte einen eigenen Zelluloid-Film mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen 1889 und 1891 auf den Markt.

Die erste Boxkamera der Welt – Schnappschüsse inklusive

Eastman war es auch, der im Jahr 1888 die erste Boxkamera der Welt entwickelte und auf den Markt brachte, um das volle Potenzial an Möglichkeiten auszuschöpfen, die der Rollfilm mit sich brachte - und natürlich, um sich neue Zielgruppen für dessen Verwendung zu erreichen. In diesen Zeitraum wurde auch der Name Kodak ins Leben gerufen, der Fotoapparat wurde unter der Bezeichnung Kodak-Box vermarktet.

Bis dahin waren es vor allem sogenannte Balgenkameras, die es in unterschiedlichen Bauformen gab, unter anderem auch als praktische Klappkamera, die den Transport wesentlich erleichterte. Durch das Aufklappen der Kamera und das Ausfahren des mit einem Balgen verbundenen Objektivs wurde die Kamera mit wenigen Handgriffen einsatzbereit gemacht. Die Box-Kamera dagegen verfolgt ein anderes Prinzip der Bauart: Es handelt sich bei den ersten Modellen um einfache, mit Leder überzogene Holzgehäuse, in denen die entsprechende Technik untergebracht wurde. Mit einem Gewicht von knapp 1 Kilogramm sowie den Maßen von 16,5 × 8,3 × 9,6 Zentimeter waren die Apparate auch aus der Hand und ohne Stativ verwendbar. Fest eingebaut kam ein Objektiv mit der Brennweite von 75 mm zum Einsatz, das eine Lichtstärke von 1/9 hatte. Zum Vergleich: Extrem lichtstarke Objektive von heute bieten Werte von bis zu 1/0,7 an, bei Teleobjektiven ist der Wert je nach eingestellter Brennweite variabel. Mit dieser festen Brennweite konnten Aufnahmen ab einer Entfernung von etwa 3 Meter an bis "unendlich" scharf abgebildet werden, was die Handhabung ebenfalls deutlich erleichterte, bei unter drei Metern Entfernung gab es zusätzlich Porträtlinsen.

Ähnliche Modelle, die zuvor gebaut wurden, nutzen als Aufnahmematerial noch Glasplatten, was die Handhabung vor dem eigentlichen Fotografieren noch deutlich komplizierter gestaltete, insofern war die Box-Kamera in vielerlei Hinsicht ein echter Fortschritt.

Fotografie als Massenmedium

Die Boxkamera war es, die die Fotografie einem breiten Massenpublikum eröffnete, einerseits lag es an dem Rollfilm als vorhandenes Aufnahmemedium - anstatt wie zuvor nach jedem Schuss die Platte mit dem Planfilm auszuwechseln, konnten mit den Boxkameras je nach Film zwischen 50 und 100 Aufnahmen gemacht werden. Bei der ersten Kodak-Box wurde allerdings nicht nur der Film nach der Belichtung abgegeben, sondern komplett die ganze Kamera; nach einigen Tagen erhielt man die Abzüge sowie die Kamera mit einem frisch eingelegten Film zurück.

Im Vergleich zu den vorherigen Möglichkeiten wurde die Fotografie zudem deutlich günstiger: Die erste Boxkamera kostete zwar noch 25 US-Dollar, die Entwicklung von 100 Bildern schlug mit 10 Dollar zu Buche – deutlich günstiger als alles zuvor. Um die Modelle möglichst preiswert verkaufen zu können, wurde auf einige Dinge verzichtet, die rein technisch schon längst machbar waren: Anfänglich kamen noch Ikonometer - aufklappbare Sucherrahmen - zum Einsatz, um den Bildausschnitt festlegen zu können. Eine Technik, die durch den Mattscheibensucher und später durch den Durchsichtsucher ersetzt wurde, um die Arbeit noch weiter zu vereinfachen.

Die Boxkamera als Volkskamera

Die ersten Jahrzehnte war Kodak ganz klar der weltweit führende Anbieter in diesem Bereich, in Deutschland und angrenzenden Ländern tat man sich noch bis etwa 1930 schwer, eigene Produkte auf den Markt zu bringen, was sich danach schnell änderte. Zuvor herrschte noch Uneinigkeit in Bezug auf das Bildformat, es bestanden zudem noch Vorbehalte gegenüber dem Rollfilm und für Kleinbild-Boxkameras war die Technik noch nicht ausgereift genug, bzw. wäre die Produktion zu teuer gewesen.

Die ersten regionalen Hersteller waren dann die Firma EHO aus Dresden, gefolgt von Agfa, die mit ihren Modellen einen sehr großen Teil zur Verbreitung beitrug, besonders mit dem Nachkriegsmodell Agfa Clack, das sich in der Form deutlich von seinen Vorgängern abhob und mehr auf ein für die damalige Zeit elegantes Äußeres setzte, was sich als goldrichtige Entscheidung herausstellte. Ein weiterer Player war Zeiss-Ikon mit dem Erfolgsmodell Tengor - alle genannten Produkte bezogen sich auf das Rollfilm-Format mit 6 x 9 Zentimeter. Um 1970 herum wurde die Produktion der klassischen Box-Kameras dann endgültig eingestellt und durch modernere Nachfolger ersetzt.

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