Billige Geigen aus China

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1. Einleitung

Bei eBay werden Geigen aus Fernost schon ab knapp 30 Euro inklusive Bogen, Etui und Kolofonium angeboten. Dieser Ratgeber soll ein wenig Licht auf die Fragen werfen, wer überhaupt als Käufer in Frage kommt und was man von einem solchen Instrument erwarten darf (und was nicht). Außerdem sollen einige wichtige Schritte für die "Inbetriebnahme" eines solchen Instruments erörtert werden.

2. Für wen sind sie geeignet?

Die wirklich superbilligen Geigenangebote richten sich meiner Meinung nach weniger an junge Leute, die bei einem Geigenlehrer das Geigenspiel erlernen wollen, oder an Kinder bzw. Schüler. Das liegt nicht nur an der Qualität dieser sehr günstigen Instrumente (dazu später mehr), sondern vor allem an dem Missverhältnis von Unterrichtskosten zum Instrumentenpreis. Wer tatsächlich Instrumentalunterricht beim Profi nimmt, wird sich angesichts des dafür zu entrichtenden Stundenpreises sicher ein hochwertigeres Instrument kaufen und sich dabei auch vom Lehrer beraten lassen. Bei knappem Budget wird dieser auch Tipps zum Kauf eines preisgünstigen und guten Instruments geben oder eine Möglichkeit vermitteln, wo sich gute Instrumente mieten lassen.
Die wirklich billigen Chinageigen richten sich daher eher an den musikalisch interessierten Autodidakten, der ohne große Ausgabe das Terrain auf eigene Faust erkunden will. Wer überhaupt nur ausprobieren will, ob ihm das Geigenspiel zusagt und ob er sich mit der Spielweise anfreunden kann, darf ohne allzu großes finanzielles Risiko zugreifen. Wer zudem über eine gewisse musikalische Vorerfahrung verfügt und auch handwerklich ein wenig Geschick mitbringt, darf über die Kosten einer Arbeitsstunde beim Geigenbauer oder die Unterrichtsstunde beim professionellen Geigenlehrer ruhig lächeln- braucht er sie doch nicht zu bezahlen.

3. Die Qualität

Angesichts des Preises muss man sich schon die Augen reiben, dass man für so wenig Geld überhaupt ein funktionsfähiges Instrument erwerben kann. Vom Klang einer solchen Geige darf man in der Tat keinerlei Wunder erwarten - mit ein wenig Übung hört sich das Klangerzeugnis durchaus nach Geige an, liegt aber immer weit entfernt vom Klang einer hochwertigen, handwerklich gefertigten Geige. Der Klang ist oft schrill, manchmal aber auch dumpf oder nachhallend- zudem wenig modulationsfähig und unwillig in der Ansprache. Für einfache Volksweisen oder Kinderlieder mag das bei geringem Anspruch genügen- eine Tonaufnahme des eigenen Spiels auf dem Handy beweist aber gnadenlos, was andere hören und schützt vor falschen Erwartungen.
Für die geringe Qualität sind z.T. folgende Eigenschaften verantwortlich:
  • Fabrikmäßige Massenfertigung
  • Billige Hölzer, teilweise laminiert und/oder billige Holzarten, die im Handwerk keine Verwendung finden (Linde)
  • Saiten mit Stahlkern von geringer Qualität
  • Bögen mit minderwertigem Bezug und Stange mit wenig Spannung und/oder ungerader Ausrichtung
  • Schleicht eingepasste Wirbel oder Plastikwirbel mit Gussgraten
  • Schlecht angepasster und zu hoher Steg
  • keine klangliche Optimierung der Decke
  • ungeeignetes oder minderwertiges Kolofonium
  • Lieblose Acrylhochglanzlackierung

4. Inbetriebnahme

Der niedrige Preis der sehr billigen Angebote erklärt sich natürlich zu einem großen Teil auch aus der Tatsache, dass die ganz billigen Instrumente so gut wie nie "spielfertig" ausgeliefert werden, selbst wenn der Verkäufer im Angebot diesen Eindruck zu erwecken versucht. In aller Regel wird der Steg (das kleine Holzstück unter den Saiten) lose mitgeliefert, und die Saiten sind zwar aufgezogen, jedoch zum Transport hinter das Griffbrett geklemmt. Der neue Bogen macht keinen Mucks, denn der Bezug (die Haare) sind noch nicht kolofoniert und auch noch nicht eingespielt. Die Wirbel (zum Stimmen der Geige) laufen zu schwer oder zu leicht - nicht einfach für Neueinsteiger. Hier soll ein grober Überblick über die erforderlichen Arbeiten gegeben werden:
  1. Äußere Kontrolle nach dem Kauf. Weist das Instrument grobe Verarbeitungsmängel auf oder klappert der Stimmstock (der kleine "Dübel" zwischen Decke und Boden) lose im Instrument herum, ist Rücksendung und Umtausch angesagt. Schiefe Hälse, Leimreste auf der Decke oder kaputte Reißverschlüsse muss ebenfalls niemand akzeptieren, kommen aber vor. Eine gewisse Mängelquote kalkulieren seriöse Händler ohnehin ein und werden anstandslos Ersatz schicken.
  2. Aufstellen des Stegs. Der mitgelieferte Steg ist nur in seltenen Fällen an das Instrument angepasst worden. Nach dem Lösen der Saiten wird er mit der höheren Seite zu der tiefen G-Saite hin zwischen die Markierungen an den f-Löchern aufgestellt. Absoluten Neulingen helfen Geigenfotos aus dem Internet, auch bei der richtigen Positionierung der Saiten, falls die entsprechenden Kerben fehlen sollten. Vorsichtig die Saiten spannen, der Steg wird nur dadurch auf der Decke des Instruments gehalten. Der Steg sollte senkrecht, allenfalls leicht nach hinten (zum Saitenhalter hin) geneigt sein und mit seinen Füßchen guten Kontakt zur Decke der Geige vermitteln. Geigenbauer passen diese Füße mit einem feinen Schnitzmesser an, für eine Billiggeige tut es auch etwas Schmirgelpapier zwischen Steg und Decke. Einfach ohne Saiten ein wenig hin- und herschmirgeln und darauf achten, dass kein Schleifstaub ins Instrument gelangt.
  3. Stimmen des Instruments. Die Stimmung der Geigensaiten von tief nach hoch lautet G - D - A -E. Anders als z.B. eine Gitarre, ist die Geige in Quinten gestimmt. Das Stimmen einer Geige erfordert eine gewisse Übung, man sollte zunächst darauf achten, keine Gewalt anzuwenden und die Stimmung zuerst nur an den Wirbeln vorzunehmen. Es ist richtig, diese beim Stimmen etwas hineinzudrücken, damit sie sich nicht von selbst wieder lösen. Praktischerweise lässt sich ein Gitarrenstimmgerät verwenden. Sollte sich der Steg beim Stimmen leicht schräg stellen, sollte er mit zwei Fingern in Saitennähe wieder vorsichtig aufgerichtet werden. Sehr billige Geigen verfügen über Wirbel aus Plastik- sie haben meist einen seitlichen Grat, den man gelegentlich abschleifen sollte, das erleichtert das Stimmen. Diese Arbeit empfiehlt sich jedenfalls beim ersten Saitenwechsel. Die Feinstimmer am Saitenhalter erleichtern das genaue Stimmen - allerdings ist Vorsicht angesagt, um sie nicht zu weit hineinzudrehen, sonst könnte die Decke Schaden nehmen. Zum Stimmen reicht es zunächst, die Saiten "pizzicato" in der Höhe des Griffbretts anzuzupfen, da der Bogen erst kolofoniert und eingespielt werden muss.
  4. Der Bogen. Hier scheitern viele absolute Neulinge- denn der Bogen ist im Auslieferungszustand nicht einsetzbar. Zunächst muss er gespannt (und nach jedem Spielen wieder entspannt) werden. Zwischen Bezug und Stange sollte noch ein Bleistift passen- keinesfalls darf der Bogen so stark gespannt werden, dass sich die Bogenstange nach außen biegt! Das sieht man zwar oft auf alten Gemälden, aber meistens handelt es sich dabei um Barockbögen, die völlig anders aussahen und gehandhabt wurden als "moderne" Bögen der letzten 160 Jahre. Das Kolofonieren funktioniert anfangs meist nicht, da das neue Kolofonium eine harte glänzende Oberfläche aufweist. Man kann diese Glanzschicht ein wenig mit der Metallklammer des Bogenfroschs oder mit einem anderen Werkzeug anrauen. Dann wird der gespannte Bogen mehrmals an beiden Enden und auch dazwischen bestrichen. Das richtige Maß ergibt die Erfahrung; eine Geruchsprobe am Bezug kann hilfreich sein.
  5. Die Saiten. Neben dem Stimmen müssen sie, genau wie der Bogen, zunächst eine Weile eingespielt werden. Sichtbare Ablagerungen von Kolofonium sollten entfernt werden, da sie einer guten Ansprache abträglich sind. Erst nach einer Weile des Einspielens sind neue Saiten, abhängig vom Fabrikat, rau genug, um den Bogenstrich in Schwingungen umzuwandeln. Außerdem müssen sie in der ersten Zeit öfter gestimmt werden, bis sie die Stimmung längere Zeit halten. Wie bereits angemerkt, muss die Lage des Stegs in der ersten Zeit öfter kontrolliert werden, da er durch den Saitenzug des Stimmens in Richtung Griffbrett geneigt werden könnte.

5. Spieltechnik

In der Spieltechnik unterscheiden sich billige Chinageigen natürlich grundsätzlich nicht von hochwertigeren Instrumenten. Dennoch möchte ich für die autodidaktische Käufergruppe ein paar Tipps an die Hand geben.
  1. Schulterstütze. Kaufen Sie auf jeden Fall eine Schulterstütze zu der Geige hinzu- diese ist bei praktisch keinem Geigenset enthalten. Billige Schulterstützen sind leider oft von geringer Qualität- wer vorhat, später auf ein besseres Instrument umzusteigen, sollte sich überlegen, gleich in Markenqualität von Kun oder Wolf zu investieren. Die zahlreichen Nachbauten dieser Marken können im schlimmsten Fall den "Abflug" der Geige verursachen, was spätestens bei der teuren Nachfolgegeige ärgerlich wird.
  2. Noten. Besorgen Sie sich Geigenliteratur z.B. für Volks- oder Kinderlieder. Beschränken Sie sich zunächst auf Stücke in G-Dur (ein Kreuz) und üben sie den entsprechenden Fingersatz. Üben Sie auch den Quartgriff- der kleine Finger greift die Quinte zur offenen Saite und lässt die Saite so klingen wie die nächsthöhere Saite. Vermeiden Sie dadurch auch offen gespielte Saiten, denn die klingen auf billigen Geigen scheußlich!
  3. Lernen Sie das Notenlesen. Wer Geige spielt, sollte früher oder später das Notenlesen erlernen.
  4. Achten Sie auf die korrekte Haltung der Geige und lernen Sie, diese mit der Schulterstütze auf dem Schlüssselbein abzulegen und mit dem Kinn zu sichern. Die Schultern müssen frei beweglich sein, die Geige darf nicht mit der linken Hand festgehalten werden. YouTube ist dein Freund!
  5. Fangen Sie frühzeitig an, das Vibrato zu erlernen. Der typische Geigenton wird vom Spieler moduliert - was eine richtige Haltung und eine freigängige linke Hand (s.o.) voraussetzt. Auch hierfür ist YouTube Helfer des Selbstlerners!
  6. Kontrollieren Sie Ihr Spiel durch Aufnahmen oder ermuntern Sie Zuhörer zur Kritik. Wo dem Gitarristen Bünde helfen, liegen beim Geiger nur Milimeter zwischen Wohlklang und Katzenmusik. Achten Sie auf die korrekte Intonation besonders der Halbtöne!

6. Fazit

Zusammengefasst kommen die ganz billigen Chinageigen nur für lernwillige und motivierte Autodidakten in Frage, die zudem vor handwerklichen Anpassungen nicht zurückschrecken. Bis eine solche Geige erklingt, ist auch ein gewisses Maß an Frustration unvermeidbar- bis der Steg steht, der Bogen greift und die Saiten ihre Stimmung halten.
Einer Geige dann ein paar einfache Melodien zu entlocken, ist erheblich einfacher, als viele annehmen- die Stimmung der Geige in Quinten ermöglicht es sogar, Melodien recht schnell nach Gehör nachzuspielen. Eine Geige wirklich gut zu spielen, ist dagegen eine Lebensaufgabe, die man vernünftigerweise im Kindesalter beginnt und über gezielten und hochwertigen Unterricht verwirklicht.
Wer aber irgendwann im erwachsenen Leben noch einmal das Geigenspiel ausprobieren möchte, kann mit einer billigen Geige gar nicht so viel verkehrt machen. Er wird aber Lernfreude, Geduld, manuelle Geschicklichkeit, Frustrationstoleranz und schmerzfreie Zuhörer und Nachbarn mitbringen müssen, dann klappt es auch mit der Chinageige!
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