Ausstattung für Einsteiger im LARP und Mittelalter

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Wenn man in dieses Hobby einsteigen will, wird man mit einer Fülle von Angeboten erschlagen. Die Frage ist, was ist davon sinnvoll und was ist Unsinn, was sollte zuerst angeschafft werden und was kann noch warten?

Gerade diese Hobbys haben einen ganz besonderen Reiz, weil sie die Möglichkeit zur Entwicklung bieten und je nach Begabung eine Menge Eigenleistungen erbracht werden können, um Geld zu sparen und eine individuelle Darstellung zu finden.

Was will ich darstellen?
Welchen Stand, Adel, Bürger(in), Kaufmann, Handwerker(sfrau), Bauer oder Leibeigener, Magd, Soldat oder Klerus?
Wobei es sich für den Einsteiger schon aus Kostengründen anbietet, einen eher niederen bis mittleren Stand anzustreben. Wer kann sich schon sofort als Ritter profilieren, über Waffen, Rüstung, Pferd, Zelt und Knappen verfügen nebst passende Gewandung für alle Anlässe?

Recherche ist das ein und alles:
Diese Arbeit kann einem niemand abnehmen. Wenn man sich peinliche Auftritte als Ahnungsloser ersparen will und unnötige Investitionen in unbrauchbare Ausstattungsteile vermeiden will, hilft nur eines. Man muß Quellen studieren, lesen, das Internet nutzen und immer wieder andere, erfahrenere Darsteller befragen. Oft begegnet man dabei Leuten, denen es eine große Ehre ist, ihr Wissen zu teilen, und findet sogar neue Freunde.
Grundsätzlich ist es nicht ratsam, sich bei seinen Informationsquellen auf Romane und Filme zu stützen - und Mittelalter und Mittelerde sind auch zwei grundverschiedene Dinge!
Nutzt die Bibliotheken und Museen in Eurer Umgebung. Sehr empfehlenswert sind die (Kinder-)Bücher von Gerstenberg (Visuelles Lexikon des Mittelalters) mit schönen Fotos von Originalen und Repliken. Und es ist auch immer sinnvoll, wenn man sich generell über die geschichtlichen Zusammenhänge informiert, die sich auf die Zeit beziehen, die man darstellen will. Um das gute alte Geschichte-Pauken aus der Schulzeit kommt man hier nicht herum.

Bitte verwandelt Euch nicht in Marktwolpertinger: Das Wikingerschwert an der Hüfte, einen spätmittelalterlichen Helm auf dem Kopf, dazu Teile einer Römischen Rüstung und neuzeitliche Springerstiefel...dazu den Thorshammer um den Hals und einen Elbenbogen auf dem Rücken. Und dann den Leuten erzählen wollen, man sei ein Söldner aus Wallensteins Heer...Sowas ist nur für das Umfeld amüsant, aber nicht für einen selbst. Vor allem, wenn man ausrechnet, was der ganze zusammengewürfelte Plunder gekostet hat.

Erste Anschaffungen:
Herren:
Hemd, Tunika, Bruche (das ist die Unterhose!) und Beinlinge, dazu Schuhwerk (bitte keine Turnschuhe oder Springerstiefel, auch wenn letztere auf verregneten Veranstaltungen manchmal die letzte Rettung zu sein scheinen) und ein wärmender Umhang, den man auch als zusätzliche Decke nehmen kann.
Wer sich mit Bruche und Beinlingen einfach nicht anfreunden kann, kann auch eine Hose verwenden - sollte sich aber bewußt sein, dass das nicht generell gebräuchlich war. Aber solange man es nicht sieht und die Tunika das gnädig verdeckt... ;-)

Damen:
Unterkleid, Überkleid, Kopfbedeckung (nur unverheiratete junge Mädchen gingen ohne), warmer Umhang, Schuhe.

Bei  beiden Geschlechtern:

Gürtel, Beutel (Gewänder hatten keine Taschen), Kopfbedeckung, Essmesser.
Schale, Becher.

Kinder:
Dasselbe wie Erwachsene, oftmals auch geerbte Kleidung von älteren Geschwistern, die noch zu groß war. Das bietet den Vorteil, dass es sich auch bei kleinen Kindern lohnt, richtige Gewandung zu nähen. Zu große Kleidung war durchaus üblich und es ist immer besser, eine Tunika aus warmem Stoff drei Jahre lang zu tragen, als jedes Jahr im exakt passenden nagelneuen Polyestergewand zu frieren.

Stichwort Kunstfasern:
Sowas hat im Mittelalter eigentlich generell nichts verloren. Kunstfasern wärmen nicht, man schwitzt leicht in ihnen, sie sehen oftmals schnell schäbig aus und vor allem sind sie FEUERGEFÄHRLICH! Und allein letzteres sollte ein Grund sein, sie zu meiden. Lest hierzu auch meinen anderen Ratgeber.

Ich empfehle generell Naturfasern wie Wolle, Leinen, Baumwolle und Seide (letztere beiden waren Importartikel und dementsprechend teuer und selten). Bevor man aber aus Kostengründen ein Kunstfasergewand nimmt, sollte man doch lieber auf Baumwolle zurückgreifen.

Stichwort Deko:
Eine richtig gute Gewandung benötigt keine glitzernden Borten oder Pailletten. Auf dem Markt gibt es teilweise durchaus annehmbare fertige Kleidungsstücke, die richtig gut aussehen würden, wenn man diese peinlichen Borten abtrennen würde.

Wer es sich leisten kann, sollte versuchen, Brettchenborte zu bekommen. Dabei sollte man vorher genau recherchieren, ob das Muster, Material und Technik auch in die Darstellung paßt. Außerdem sollte man bedenken, dass Brettchenborte auch damals als Luxusartikel galt und nicht für jeden erschwinglich war. Immerhin gibt es Funde, die belegen, dass man früher diese Borten mehrfach verwendet hat.

Die wunderschönen Widderhörner, die man oft auf Märkten sieht, sind übrigens anatolischen Ursprungs und daher nicht wirklich passend (es könnte peinlich werden, wenn man als Wikinger mit so einer Borte irgendwo auftaucht und der Gegenüber weiß das zufällig).
Generell gut zum Frühmittelalter passen Flechtbandornamente. Wer mehr darüber wissen will, sollte sich in entsprechenden Foren im Internet informieren. Es gibt auch hier einen hervorragenden Ratgeber zum Thema Brettchenborten.
Da diese Borten in reiner Handarbeit hergestellt werden, sind sie berechtigterweise recht kostspielig. Ich finde, wenn man schon viel Geld dafür ausgibt, sollte man sich die Recherche vorher gönnen.

Ansonsten kann man sich als günstigere Variante auch mit kontrastierenden Besätzen durchaus dekorative Gewänder erschaffen. Oder man macht sich die Mühe und stickt mit einem kontrastierenden Faden ein hübsches Muster. Der Hexenstich ist schon in Haithabu (10.Jh.) belegt.

Schmuck:
Den gab es in verschiedensten Ausführungen und Preisklassen. Ob nun aus Glas, Knochen, Holz, Bronze, Silber oder gar Gold - es sollte zum eigenen Geldbeutel und auch zum gesellschaftlichen Stand der Darstellung passen. Übrigens gab es im Mittelalter keine facettierten Steine. Die meisten Steine wurden als Cabochons verwendet bzw. sogar in getrommelter natürlicher Form.

Schuhe:
Dieses Thema sollte jeder mit sich selbst ausmachen. Generell trugen Männer wie Frauen im Mittelalter wendegenähte Schuhe, sofern sie es sich leisten konnten. Zum Schutz vor dem allgegenwärtigen Schmutz, insbesondere in den Städten (keine Kanalisation, keine Müllabfuhr - alles klar?!) trug man Holzschuhe, sogenannte Trippen, die man unter die Lederschuhe schnallen konnte. Arme Leute gingen barfuß.

Nun sind wir modernen Menschen nicht mehr so abgehärtet, um bei Nässe und Kälte noch barfuß zu laufen. Und auch die dünnen wendegenähten Lederschuhe mit ihren einfachen dünnen Sohlen sind nicht jedermanns Sache. Wer also aus gesundheitlichen Gründen anderes Schuhwerk wählen muß, sollte dabei nach einem geeigneten Kompromiß suchen, der Komfort und Aussehen einigermaßen vereint.

Gürtel:
Meistens aus Leder, je nach Stand und Zeit mit einfacher oder doppelter Schnalle oder aufwendig mit Riemenzunge und sonstigen Beschlägen gestaltet. Für Wikingergürtel kenne ich nur Funde mit einfachen Schnallen und schmalen Riemen. Für spätere Zeiten bitte genau recherchieren!


Das Schöne am LARP und Mittelalter ist, dass man sich diverse Ausrüstungsteile selbst anfertigen kann. Und was man nicht anfertigen kann, kann man mit etwas Glück eintauschen oder gebraucht erwerben. Viele Aktive haben sich auf bestimmte handwerkliche Fertigkeiten spezialisiert.-So verdient sich der eine als Truhenmacher das Geld, was er für den Kauf seiner Stiefel benötigt. Oder die Gewandschneiderin tauscht ein Gewand gegen Brettchenborte ein. Musikalisch Begabte Leute verdienen sich ihr Abendessen mit ein bißchen Unterhaltung.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich seine Nische zu suchen, in der man seine Talente entfalten kann.


Fazit:
Da es sich um Hobbys handelt, darf man nicht vergessen, dass es vor allem Spaß machen soll. Grundvoraussetzung hierfür ist Sicherheit.
Sicherheit bedeutet, nur Materialien und Ausrüstungsgegenstände zu verwenden, die begrenzte oder gar keine Risiken bergen.

Also nochmals: Finger weg von Kunstfasern wegen der Feuergefahr!
Dies gilt insbesonder bei Kindern, die noch kein Gefahrenbewußtsein haben.

Vorsicht bei Schaukampfwaffen, die diese Bezeichnung nicht verdienen und unsicher sind.
Bitte keine Schaukämpfe, die nicht mit passender Schutzausrüstung ausgeführt werden. Kettenhemd, Handschuhe, Helm und Gambeson sind
auch bei 30°C notwendig. Bitte nur nüchtern Schaukämpfe ausfechten.

Finger weg von Geschirr und Küchengerät mit ungesunden oder auch nur unbekannten Materialien.
Es gibt immer noch bleihaltige Glasuren bei Töpferwaren und es gibt immer noch Leute, die in kupfernen Blumenkesseln kochen.
Richtige Kupfertöpfe sind von innen verzinnt und man verwendet nur Holzlöffel, um die Beschichtung nicht zu zerkratzen.
Bitte kauft auch hier ganz bewußt sichere Materialien und zweckentfremdet nicht unkritisch alles, was einigermaßen brauchbar aussieht.
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