Ausbluten von Jeans

Aufrufe 2 Mal bewertet mit „Gefällt mir” Kommentare Kommentar
Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war
Raw Denim beim ersten Soak
Link zu einer eBay-Seite Entfernen
Laden Sie bis zu 3 weitere Fotos hinzu.
Link zu einer eBay-Seite
Raw Denim beim ersten Soak

Warum färbt eine dunkelblaue Jeans ?


Ich hatte neulich eine Käufer- Beschwerde in der sich eine Käuferin darüber beklagte, die bei mir gekaufte Jeans würde abfärben ("ich hatte ständig blaue Hände und die Unterwäsche und Sneaker waren auch verfärbt...."). Dies sei ein Zeichen minderer Qualität und obendrein sicher gesundheitsgefährdend und ich möge die Hose doch bitte zurück nehmen (was ich Kulanz halber tat). Zum Beleg wurden Forumsbeiträge aus "Gute Frage" etc. genannt. Auf den Wert solcher Beiträge gehe ich mal lieber nicht ein...
Nun zur Sache: Meine ersten Jeans habe ich noch in Zeiten gekauft als noch jede Jeans dunkelblau und unbehandelt war. Used Effekte waren also noch echte "used" Effekte, wobei wir auch damals schon versucht haben die Alterungsprozesse zu bechleunigen (Schwimmen im Meer, mit Sand abreiben etc.). Das übernimmt nun die Industrie und es scheint in Vergessenheit zu geraten, wie eine Jeans denn eigentlich "natürlich" altert. Hier spielen im wesentlichen zwei Komponenten eine Rolle: Abrieb und Auswaschung. Beim Tragen kommt es an beanspruchten Stellen wie Gesäß, Knien oder Sitzfalten durch Scheuereffekte zum Farbabrieb. Beim Waschen verliert die Jeans gleichmäßig Farbe und es bilden sich mit der Zeit die so geschätzten individuellen Abnutzungseffekte. Eine solche Patina ist einzigartig und macht jede Jeans zum individuellen Einzelstück. Aber es braucht seine Zeit und viel Geduld. Leider scheint es in der heutigen Zeit oft an Beidem zu fehlen...
Der Beschwerdeführerin habe ich seinerseits aufgegeben mir die Frage zu beantworten wie denn bitte eine Jeans altern soll wenn sie keine Farbe verlieren darf? Auf die Antwort warte ich vergebens...

Aber warum verlieren Jeans denn nun Farbe?

Das hängt mit dem Färbeprozeß zusammen. Eingefärbt wird das Garn mit natürlichem aus Pflanzen gewonnenem Indigo (bei hochwertigen Jeans) oder synthetisch hergestelltem Indigoblau. Das Garn wird bis zu 24 mal in Farbe getränkt (Dips) und dann mit dem weißen Unterfaden zum Denim gewebt. Je mehr "Dips", desto satter der Farbton, besonders bei Verwendung natürlichen Indigos. Solche Jeans sind aber auch stark "überfärbt" und verlieren diese überschüssige Farbe bei den ersten Wäschen. Ein anfangs starkes Abfärben ist somit zumeist kein Zeichen minderer sonder im Gegenteil höchster Produktqualität. Die besten Jeans sind "handdyed" und gewebt auf "Shuttle Loom" Webstühlen, zu erkennen an der klassischen Selvage (Selvedge) Naht (wird allerdings auch schon kopiert). Wer also blaue Finger und Unterwäsche vermeiden will sollte solche Jeans vor dem Tragen ein- bis zweimal waschen, bis der gröbste Farbverlust vorbei ist. Allerdings trägt sich eine solche Jeans dann anders ein, der Farbverlust ist dann homogener, was manch einer durchaus schätzt. 

Wo ist also das Problem?

Nun, das ist das klassische "wasch mich aber mach mich nicht nass...". Scheinbar möchten viele Käufer/innen eine cleane, dunkelblaue Jeans im klassischen Look, aber sie soll dann auch so bleiben und bitte keine Farbe verlieren- schon gar nicht beim Tragen. Das steht natürlich in einem gewissen Widerspruch zu den klassischen Eigenschaften einer Jeans. Aber auch hier weiß die Industrie natürlich eine Antwort. Gerade bei den Damenjeans sind, wahrscheinlich aufgrund entsprechender Nachfrage, die meisten dunklen Jeans mittlerweile weitgehend "farbecht". Erreicht wird das durch spezielle Färbetechniken und wahrscheinlich auch mit ein wenig Hilfe aus dem Chemiebaukasten. Ob das bedenklich ist weiß ich nicht, soll auch jeder für sich entscheiden. Eine solche Jeans "altert" natürlich nicht so schön und ist ironischerweise eben genau das, was den "färbenden" unterstellt wird: chemisch behandelt.

Ein Rat für Jeans- Liebhaber

Kauft euch eine unbehandelte, nicht vorgewaschene Jeans und tragt sie eine Zeit lang ohne Wäsche. Zugegeben, die ersten Tage sind "hart", aber dann bricht die Jeans zunehmend (break in, dry crocking) und trägt sich von Tag zu Tag schöner. Das müssen  jetzt keine 6 Monate sein und die TK kann man sich auch sparen, einfach gelegentlich mal auslüften. Nachdem sich- gegen das Licht gehalten- schöne Tragespuren gebildet haben und der Hygienezustand es erfordert: Jeans auf links drehen und über Nacht in einer Wanne heißen Wassers einweichen ("hot soaking"). Je nach Verschmutzung entweder jetzt leicht ausdrücken, zum trocknen aufhängen und weiter eintragen oder jetzt das Wasser wechseln und lauwarm mit wenig Waschmittel per Hand flott durchwaschen (alternativ allein im Schon- oder Wollprogramm in der Maschine). Eine Raw Denim niemals,  auch nicht auf links, bei der Erstwäsche in die Maschine geben ohne sie vorher eingeweicht zu haben. Beim Einweichen im heißen Wasser verliert sie ihre Appretur und wird weich, so dass sie sich in der Maschine frei bewegen kann. Verzichtet man auf das Einweichen und gibt sie, vielleicht fatalerweise noch mit weiteren Kleidungsstücken, in die Waschmaschine, kann sie sich nicht frei entfalten und bildet unweigerlich entlang der Knickfalten helle Waschstreifen, da hier der Abrieb in der Maschine am größten ist. Ein Fall für die Altkleidersammlung oder für jemanden der es so mag (soll es ja vielleicht auch geben).

Ich hoffe für den einen oder anderen ein paar hilfreiche Informationen bereit gestellt zu haben. Vielleicht habe ich auch jemanden auf den Geschmack gebracht es mit eine Raw Denim mal zu probieren- nur zu, du wirst es nicht bereuen. Außerdem wollte ich dem unerträglich dämlichen Geschwätz in manchen "Style Foren" mal eine alternative, hoffentlich fundiertere, Auskunft entgegen stellen.

Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden