Anmerkungen zum Thema Schnitte im Film, Mythos und ....

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Mythos und Realität – Anmerkungen zum Thema Schnitte im Film

 

Kinofilme
Gemäß der FSK-Grundsätze können die Prüfausschüsse Jugendfreigaben mit Auflagen
aussprechen. Ein Spielfilm wird beispielsweise in seiner Gesamtwirkung vom
Prüfungsausschuss so eingeschätzt, dass er durchaus ab 12 Jahren freigegeben werden
könnte. Handlungsverlauf, Spannungsbogen und Höhepunkte sind so gestaltet, dass sie von
12-Jährigen ohne Beeinträchtigungen rezipiert werden können. Allerdings befinden sich zwei
Szenen in diesem Film, die aus dem Gesamtkontext so herausragen, dass Kinder an diesen
Szenen „hängen bleiben“ und nicht mehr in der Lage sind diese einzuordnen und zu
verarbeiten. Hierbei kann es sich z.B. um besonders gewalthaltige Szenen handeln, die
aufgrund ihrer Gestaltung Kinder schlichtweg überfordern und übermäßig belasten. In solchen
Fällen kann der Ausschuss die Auflage aussprechen diese beiden Szenen zu entfernen. Es
liegt dann am Antragsteller, ob er den Film in der geschnittenen Fassung ab 12 Jahren oder in
der ungeschnittenen Fassung ab 16 Jahren einsetzen will.
Diese Entscheidung hängt weitgehend davon ab, welche Auswertungschancen sich die Firma
für den Film errechnet. Die Ausschüsse der FSK haben hierbei zu prüfen, ob die Szenen, die
gegen eine Freigabe ab 12 Jahren sprechen, eindeutig zu benennen sind und ob diese
Auflagen den Film unter Jugendschutzgesichtspunkten tatsächlich wesentlich ändern.
Ein Beispiel: Ein erhobenes Beil über dem Kopf eines filmischen Widersachers! Vor dem
Niedersausen wird geschnitten. Der blutüberströmte Kopf wird dem Zuschauer erspart – auf der
Leinwand! Vor dem geistigen Auge des Betrachters aber steht glasklar das blutige Ergebnis.
Die emotionale Wirkung ist mit oder ohne Schnitt die gleiche. Konsequenz: Also bereits die
Szene mit dem erhobenen Beil schneiden? Das heißt, man schneidet eine eventuell
verkraftbare Szene und meint eigentlich die Folgeszene. Eine solche Entscheidung kann nur in
der Gesamtbeurteilung des Filmes getroffen werden. Hier liegt die Crux bei Schnittauflagen zu
deren Wirksamkeit zwei Meinungen existieren: Schnitte verändern einen Film in seiner
Gesamtwirkung nicht! oder Jeder Film kann so geschnitten werden, dass seine Gesamtwirkung
sich ändert! Beide Meinungen treffen zu - und auch wieder nicht. Wer weiß genau, welche
Szenen für einen kindlichen oder jugendlichen Betrachter noch verkraftbar sind und welche
nicht? Die Ausschüsse der FSK versuchen diese Frage mit großer Sorgfalt zu prüfen, aber
letztlich objektiv richtige Entscheidungen gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die
Rezeptionsbedingungen und –voraussetzungen von Kindern. Diese Überlegungen haben dazu
geführt, dass seitens der FSK-Prüfausschüsse weitgehend auf Freigaben mit Auflagen
verzichtet wird. Die möglich Wirkung einzelner Schnitte ist schwer einzuschätzen und viele
Prüfer wollen auch nicht in ein filmisches Werk eingreifen, insbesondere natürlich wenn es sich
um einen anspruchsvollen Film handelt. Diese Meinung wird nahezu auch in allen anderen
europäischen Prüfinstitutionen vertreten. Eine Ausnahme bildet die British Board Of
Filmclassfication (BBFC). Hier können auch Schnittauflagen für Filme, die ab 18 freigegeben
werden, ausgesprochen werden.
Sind im Jahr 1989 noch 6,6 % der eingereichten Kinofilme von der FSK unter Schnittauflagen
freigegeben worden, liegt die Anzahl dieser Spielfilme heute bei unter 1 %! Und hier sind wir an
einem weiteren wichtigen Punkt! Die Meinung „Fast überall auf der Welt kann ich mir die
Originalversionen anschauen, nur nicht in Deutschland!“ ist ein Mythos. Richtig war, dass eine
Reihe von angesehenen Regisseuren vertraglich festlegte, dass Veränderungen der
Originalfassung nur nach Rücksprache und entsprechender Genehmigung mit ihnen erlaubt
waren. Realität ist, dass dies sich mittlerweile geändert hat, insbesondere durch die
mannigfaltigen Verwertungsformen auf Video, DVD oder Fernsehen. Jede dieser
Verwertungsformen hat ihre eigenen künstlerischen und kommerziellen Voraussetzungen.
Während der Kinofilm in der Regel eine Länge von 90 bis 110 Minuten aufweist, hat es sich
mittlerweile als erfolgreich und lukrativ erwiesen, sogenannte Director’s Cut-Fassungen auf
DVD herauszubringen, die bisher unveröffentlichte Szenen des Films beinhalten. Eine solche
Director’s Cut-Fassung muss natürlich nochmals auf ihre Freigabe hin geprüft werden und kann
durchaus eine andere Kennzeichnung erhalten als die ursprüngliche Kinoversion. Auf der
anderen Seite werden aus unterschiedlichen Gründen Kürzungen bei Filmen vorgenommen,
um sie entsprechend medial weiter verwerten zu können. Noch ist es zur Zeit so, dass
Hollywoodfilme fast ausschließlich zuerst in Großbritannien anlaufen und erst dann auf den
Kontinent zur weiteren Verwertung kommen. Dies kann dazu führen, dass im übrigen Europa
die Fassung eines Kinofilms läuft, der bereits durch die Prüfung der BBFC gegangen ist. Aber
auch in den Vereinigten Staaten ist es keineswegs generell so, dass nur eine Fassung eines
Kinofilmes landesweit ausgewertet wird. Gerade bei Filmen mit erotischen Inhalten können sich
die Versionen eines solchen Filmes beispielsweise vom „bible belt“ gegenüber der Version, die
in Kalifornien oder New York läuft, unterscheiden.

 


Videofilme
Während pro Jahr bei der FSK ca. 350 Kinospielfilme zur Prüfung eingereicht werden, waren es
bei den Video- bzw. DVD-Spielfilmen im Jahre 2001 489. Hiervon waren 33 Filme gekürzte
Fassungen mit dem Ziel eine Jugendfreigabe zu erhalten. Eine solche geänderte Fassung ist
vor der Prüfung dem Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden, der in der
vorhergegangenen Prüfung Ausschussvorsitzender war, vorzulegen. Er muss hierüber
entscheiden, ob es sich um eine wesentlich geänderte Fassung handelt. Hier ist nicht
ausschlaggebend, ob er einer Jugendfreigabe zustimmen würde, sondern er muss prüfen, ob
die durchgeführte Überarbeitung tatsächlich den Film in seiner Wirkung auf Jugendliche hin
verändern kann. Wird diese Änderung anerkannt, so wird diese Fassung noch einmal dem
Prüfungsausschuss vorgeführt. Belastend ist es, wenn eine Firma mehrmals geänderte
Fassungen des gleichen Films zur Prüfung vorlegt, um eine günstigere Freigabe zu erreichen.
Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass auch die zweite oder dritte geänderte Fassung vom
jeweiligen Ausschussvorsitzenden als wesentlich geändert anerkannt wird. Handelt es sich
hierbei um Kürzungen von mehreren Minuten relevanter Szenen oder Sequenzen, so kann der
Ausschussvorsitzende diese Genehmigung nicht verweigern. Eine andere Frage ist, ob die
Gesamtwirkung des Filmes sich dann so geändert hat, dass tatsächlich auch eine
Jugendfreigabe ausgesprochen werden kann. Ein solches Procedere belastet nicht nur die
Prüfungsausschüsse, sondern führt auch dazu, dass mit der eventuell endlich erreichten
Jugendfreigabe eine Fassung auf den Markt kommt, die mit der ursprünglichen Originalversion
nicht mehr viel gemein hat. Aufgrund dessen ist es verbindlich, dass solche Fassungen mit
einem Titelzusatz, wie zum Beispiel „gekürzte Fassung“ oder „bearbeitete Fassung“, versehen
werden. Nur dann ist der Unterschied auch in der Öffentlichkeit ersichtlich und bei Kontrollen
nachzuvollziehen. Diese gekürzten und mit einem Titelzusatz versehenen Filme dürfen dann
mit einer eventuellen Freigabe ab 16 Jahren im Versandhandel angeboten oder im Fernsehen
ab 22 Uhr gezeigt werden. Teilweise werden aber im Versandhandelsangebot diese unbedingt
notwendigen Titelzusätze nicht erwähnt bzw. bei Ankündigung dieser Filme in
Rundfunkzeitschriften nicht aufgeführt. Dies führt dazu, dass Versandhandelskunden oder
Fernsehzuschauer bei der FSK anrufen und sich darüber beschweren, dass bestimmte Szenen
des betreffenden Filmes fehlen. Solche Vorwürfe hat aber nicht die FSK zu verantworten, die
lediglich die Jugendeignung einer bestimmten Version zu prüfen hat, sondern die
antragstellenden Firmen, die aus kommerziellen Gründe eine Jugendfreigabe haben wollen.
Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Beschwerden von Zuschauern und Konsumenten hat
sich die Wiedervorlage-Praxis geschnittener Fassungen erheblich reduziert. Diese reduzierte
Quantität verhindert allerdings nicht die Verärgerung der Konsumenten im konkreten Einzelfall.
Sicherlich ist es richtig zu sagen, die Prüfausschüsse der FSK haben die Jugendfreigabe eines
bestimmten Filmes verweigert. Dies ist allerdings auch ihre Aufgabe, wenn dieser Film ihrer
Auffassung nach Jugendliche beeinträchtigt. Dass dann eine geschnittene Fassung eingereicht
wird und diese dann eventuell – weil sie nicht mehr jugendbeeinträchtigend ist – mit einer
Jugendfreigabe versehen wird, auf den Markt kommt und dann zur Verärgerung bei den
Konsumenten führt, liegt nicht in der Verantwortung der Prüfausschüsse.

 


Ausblick
Ich halte die Praxis, nur noch in sehr geringem Umfang Freigaben mit Schnittauflagen
auszusprechen, für richtig. Es ist nicht einfach Schnitte genau zu definieren und es ist auch
nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass einige Schnitte einen Film in seiner
Gesamtwirkung wesentlich ändern. Die Vorlage gekürzter Fassungen liegt in der Verantwortung
der antragstellenden Firmen. Gerade durch die Entwicklung der DVD-Technik hat sich zwar die
Erkenntnis durchgesetzt, dass es gerade auch für den anspruchsvollen erwachsenen
Konsumenten gute Absatzchancen für Filme gibt, die mit der Kennzeichnung "nicht freigegeben
unter 18 Jahren" versehen sind. Allerdings haben sich die medialen Verwertungswege
vervielfacht. Neben den Angeboten im Offline- und im Rundfunkbereich werden zukünftig
Online-Angebote in unterschiedlicher Form hinzukommen. Auf der anderen Seite wird sich die
Anzahl der Spielfilmproduktionen pro Jahr nicht wesentlich erhöhen. Dies bedeutet, dass in den
unterschiedlichen Verwertungsbereichen der gleiche Inhalt geboten wird oder eben immer
wieder unterschiedliche Versionen eines Filmes zielgruppen-adäquat oder besser gesagt marktorientiert
angeboten werden. „Schnitte im Film“ wird also auch zukünftig ein Diskussionsthema
bleiben.

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