Alles aus Papier - nicht nur Bücher und Karten

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Es gilt, unscheinbare Schriften, Kleinplakate, Korrespondenzen und andere Papiersachen besser zu beachten. Die Abfalltonne, auf der "Altpapier" steht, wird oft mit den falschen Gegenständen gefüllt. Einige Hinweise dazu, es künftig besser zu machen. - Dieser Text ist für Anbieter gedacht, die bisher nur Bücher eingeliefert haben, bei Buchankäufen oft aber auch an andere Papiersachen herankommen können. Ebay-Antiquare sollten sich immer nicht nur als "Buch- und Postkartenhändler", sondern als "Alles-aus-Papier-Händler" verstehen.

1.
Mancher Einlieferer neigt dazu, schön gebundene Bücher mit energischer Hand auszuwählen. Leder, Gold, schöne Illustrationen, möglichst dick und schwer - solche Bücher bringen gutes Geld, nicht wahr?

Sehr oft ist das Gegenteil der Fall. Buchantiquare und Büchersammler werden grundsätzlich mißtrauisch, wenn Bücher "schön" daherkommen. Daß Buchgemeinschaftsausgaben wenig wert sind, hat sich herumgesprochen; man vergißt aber gern, daß sie schon lang vor 1900 ihre typischen Vorläufer hatten, die *Kolportagetitel. Das waren Bücher, die schön ausgestattet in sehr hoher Auflage gedruckt wurden, damit der Hausierhandel, die sogenannte "Kolportage", sie in Mengen von Haus zu Haus verkaufen konnten.

Es gab dafür sogar eigene "Musterbände", schmale Zusammenfassungen des meist sehr schweren Originalbuchs, damit der Buchvertreter nicht alle Zehnpfünder über sieben Treppen schleppen mußte... Gold war immer reichlich verwendet worden, auch alle großen Lexika jener Zeit waren über Kolporteure bis ins hinterste Bauernhaus vertrieben worden. Goethes Werke in 50 Bänden, Gold, Leder - das Deutsche Recht in 10 Prachtbänden - Christliche Denkmäler der Stadt Rom - Luthers Tischgespräche im Grußdruck mit Silberprägung - Preußische Geschichte mit 50 Chromotafeln: alles, alles Kolportage.

So kommt es, daß gerade die "schönen, großen" Bücher seit jeher verdächtigt werden, in rauhen Mengen auf dem Markt zu sein und erbärmlich wenig zu bringen, gerade auch bei Ebay, denn nirgendwo sonst sind soviel echte Kenner unter den Käufern als hier, allen Vorurteilen zum Trotz.

2.
Wir werden also bei der Verwertung von Nachlässen die Prachtbände erst einmal mit skeptischem Blick beiseite legen. Dagegen rate ich sehr dazu, jene typischen

*Sammlungen kleiner Broschüren, Fachschriften, Gebrauchsanleitungen, von Plänen und Fach-Briefwechseln

sorgsam durchzusehen. Dazu gehören insbesondere *Kataloge* jeder Art, besonders solche mit Abbildungen noch in Holzstich. Auch Prospekte, die etwa Spielwaren, Radiogeräten oder Lebensmitteln beigelegt wurden, die man "vielleicht noch einmal brauchen konnte", sind zu beachten, geradezu lieben muß man Kleinplakate ab etwa A5, wenn sie nicht nur einfach aus Büchern oder Zeitschriften herausgetrennt wurden. Die Läden der alten Zeit waren ja mit farbigen Plakaten, sogenanntn Affichen, geradezu übersät. Sie erkennen das echte Kleinplakat *immer* am kleinen, eigenen Druckervermerk am Fuß - das mußte sein, da waren die deutschen Behörden seit jeher sehr - deutsch.

Hochinteressant sind immer ältere Korrespondenzen, ob sie über Mitlitärangelegenmheiten, den Bau eines Hotels, über Autoreparaturen um 1930 oder das Nähen von Pelzmänteln gingen. Auch Ausweise jeder Art (Personenschutz beachten, falls der Besitzer noch leben könnte), alte Eisen- und noch mehr Straßenbahnfahrscheine, aussagekräftige Lebensmittelkarten, Sammlungen alter Zeitungsausschnitte, wenn zu einem *Thema (nur dann), undsofort.

Hier ist nun zweierlei wichtig:

a.
Der Einlieferer sollte aus den gebahnten Wegen der Postkarten- und Buchform weiterdenken. Auch was weder der einen noch der anderen Form entspricht, kann gesammelt werden. Ich hatte in meinen Studentenjahren gut gelebt als Aufkäufer für einen Antiquar, der grundsätzlich nur Nicht-Bücher (nonbooks) und auch kaum einmal Postkarten in seinem, übrigens hochvornehmen, Zürcher Ladengeschäft hatte. Sehr oft findet man zum Beispiel in alten Damennachlässen hübsche bedruckte Papiere. Früher war der Sinn der Kunden viel weiter entwickelt für dekorative Vorsatzpapiere, hübsches Geschenkpapier, nette Dekorationen zu allen Festen. Solche alten Papierbögen werden heute gern gesammelt.

b.
Wichtiger noch als das Weiterdenken bezüglich der äußeren Form ist das Forschen vom möglichen Nutzer her. Wer bei Ebay einliefert, muß in etwa wissen,

*was gesammelt wird vom  T h e m a  her.

Einen guten Einstieg bietet da die Rubrik "alte Berufe" bei Ebay, auch ist die - freilich seltsam verschachtelte - Rubrik "Sammeln und Seltenes" eine Fundgrube für Einfälle, wer alles was vom Thema her sammeln könnte.

Ich habe zum Beispiel die Feststellung gemacht, daß alles, was mit Zigaretten oder Pfeifen, mit Radiogeräten oder Flugzeugen, mit Schneidereizubehör um 1900 oder mit Werbung, mit Design oder mit Damenschuhen zu tun hat, nicht nur gut geht - sondern daß die Sammler oft ausgesprochen dankbar sind, angenehm im Umgang, sehr treu und pünktlich. Kein angenehmerer Kunde als der engagierte Sammler von abgelegenen Seltenheiten!

Deshalb lernen Sie bitte die Rubrik "Sammeln und Seltenes" auswendig. Es spricht nach meiner Erfahrung aber auch nichts dagegen, die "Business"-Kategorien zu bedienen mit kleinen historischen Papierdenkmälern. Warum auch soll ein Kühlschrankprospekt von 1930 nicht einen hochmodernen Kühlschrankhändler erfreuen? Sehr oft ergibt sich da ein Doppeleinstellen auch in "Sammeln und Seltenes".

Fazit:
Wagen Sie es! Bei der nächsten Nachlaßauswertung achten Sie nicht nur auf "schöne, große" Bücher oder Postkarten, nein - sehen Sie alle Papiersachen geduldig durch. Begeben Sie sich in das Zauberreich der Nonbooks abseits eingefahrener Wege.



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