Adelstitel und Schloss Berga - Fakten und Hintergründe

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Hallo ebayer,

ergänzend zu meinem ersten Ratgeber (Adelstitel "Graf von Berga" – ein seriöses Angebot?) sollen hier für alle, die es interessiert, noch einige ausführlichere Informationen zum Thema folgen. Da einige Zusammenhänge der Bergaer Schlossgeschichte im Verkaufsangebot verzerrt dargestellt sind, bzw. ganz fehlen, denke ich, dass diese Ergänzungen im Sinne des Verkäufers wie auch der Kaufinteressenten sind.

(Die Angaben stammen aus: Flach, Willy: Verfassungsgeschichte einer grundherrlichen Stadt. Berga an der Elster. Jena: Gustav Fischer, 1934, und: Blankenhainer Berichte, Band 5: Die Rittergüter Blankenhain, Berga und Trünzig. Hrsg. vom Agrar- und Freilichtmuseum Schloss Blankenhain, 1999)

 

  • Gab es einen mit dem Bergaer Schloss verbundenen Adelstitel "Graf von Berga"?

Nein. Die Besitzer von Schloss Berga waren bis zur Enteignung 1945 folgende:

1427 – 1432 Heinrich von Weida

1432 – 1569 Familie von Wolfersdorf

1569 – 1593 Familien von Kötteritz / von Kottwitz

1593 – 1870 Familie von Watzdorf

1870 – 1945 vier bürgerliche Besitzer: Richard Hermann, Ernst Semmel, Waldemar Toppius, Ludwig Scharpenseel.

Ein Graf von Berga war nicht darunter.

 

  • Was ist ein Lehngut oder Lehnschloss?

Das Schloss Berga war ein Rittergut und – in seinem Verhältnis zum Landesherrn gesehen – ein Lehngut. Das klingt vielleicht geheimnisvoll oder kompliziert, ist es aber gar nicht. Rittergüter wurden vom Landesherrn an sein militärisches Gefolge, die Ritter (das waren niedere Adelige, der sogenannte Landadel) zur Bewirtschaftung und zum Wohnen verliehen. Daher der Name "Lehngut". Bekam ein Ritter ein solches Gut, erhielt er damit auch eine Anzahl Rechte und Privilegien. Eines davon war zum Beispiel das Recht auf Sitz und Stimme im Landtag. Rittergüter hatten auch das Jagdrecht in ihren Besitzungen oder das Recht, von den Bauern der Umgebung Frondienste zu verlangen. Im Gegenzug hatte der Rittergutsbesitzer gegenüber dem Landesherrn auch einige Pflichten zu erfüllen. Eine wichtige Pflicht war die militärische Unterstützung des Landesherrn im Krieg. Man kann also wirklich froh sein, dass es solche Lehnrechte und -pflichten nicht mehr gibt.

 

  • Hat ein Lehngut oder Lehnschloss heute noch irgendwelche Rechte oder Privilegien?

Nein. Es gab in Mittel- und Ostdeutschland viele hundert Ritter- oder Lehngüter. Allein in einem Umkreis von zehn Kilometern um Berga herum befanden sich etwa zehn Rittergüter. Solche Lehngüter waren also nichts Außergewöhnliches. Manche waren etwas älter und größer und daher als Burg oder Schloss erbaut, manche jüngere sahen nur aus wie ein größeres Bauerngut. Alle aber hatten ähnliche Lehnrechte. Die meisten dieser Lehnrechte wurden im 19. Jahrhundert, die letzten 1918/1919 abgeschafft. Heute gibt es kein einziges Recht oder Privileg von Ritter- oder Lehngütern mehr.

 

  • Kann oder konnte man mit dem Erwerb eines Lehngutes oder Schlossanteils adlig werden?

Nein. Etwa ab dem 16. Jahrhundert konnten auch nichtadlige Personen Rittergüter erwerben. Es gab aber nie ein Gesetz, dass diese Personen, nur weil sie ein Ritter- oder Lehngut besaßen, deswegen adlig werden konnten. Es gibt genügend Beispiele aus der Geschichte des Schlosses Berga und aus der Umgebung, dass Bürgerliche ein Rittergut erwarben. Keiner von ihnen wurde jemals adlig.

 

Fazit: Der Name "Graf von Berga" hat nichts mit der Geschichte von Schloss oder Stadt Berga zu tun. Er ist eine moderne Wortschöpfung des Verkäufers, und somit auch kaum als Adelstitel zu bezeichnen. Er soll aber wohl durch Verwendung der Wörter "Graf" und "von" wie ein Adelstitel klingen. Diese klaren Aussagen vermisse ich in der Verkaufsbeschreibung – aus der Sicht des Verkäufers sicher verständlich, jedoch nicht korrekt dem Käufer gegenüber. Stattdessen verwendet und erklärt der Verkäufer geschichtliche Begriffe falsch (Lehnschloss, Lehngesetze, Lehnrechte, usw.) und verliert sich in nebulösen Darstellungen der Schlossgeschichte (bedeutendes Schloss, oft erobert, usw.).

Der Adel in Deutschland ist nun einmal ein fest umrissener, aus der Geschichte stammender Personenkreis. Eine Erhebung in den Adelsstand war nur durch den Landesherrn möglich, und das nur bis 1918. Ein Graf war weder früher und ist noch weniger heutzutage befugt, jemanden in den Adelsstand zu erheben.

Sicher werden einige von euch sagen: Was interessiert mich, ob das mit den alten Lehnrechten oder Privilegien stimmt? Klar, diese – zugegebenermaßen schwer verständlichen – Sachen müssen nicht jeden interessieren. Ich kann aber nur wiederholen: Die Verwendung von Oberflächlichkeiten und Unwahrheiten wirft die Frage nach der Glaubwürdigkeit des ganzen Projektes (Sanierung der Schlossruine) auf. Ist nicht absolute Korrektheit notwendig, wenn man um Vertrauen und Finanzierung für ein Projekt wirbt? Ist man das dem Käufer gegenüber nicht schuldig? Letztendlich geht es hier um viel Geld.

Übrigens, lasst euch nicht von neu auftauchenden Normen oder Adelsverbänden beeindrucken. Schaut einfach mal, wer die aufgestellt bzw. gegründet hat.

Grüße aus Berga

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